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Riesenlibelle mit 70 cm Spannweite? Was wirklich dahintersteckt

Ingo Gruber • 29. Oktober 2026
Eine riesen Libelle mit leuchtend grünen Augen schwebt im Flug. Ihre segmentierten Beine sind nach vorne gerichtet, bereit zum Landen.

Inhaltsverzeichnis

Eine Riesenlibelle mit 70 Zentimetern Flügelspannweite klingt nach einem Tier aus einem Fantasyfilm, hat aber tatsächlich vor rund 300 Millionen Jahren gelebt. Gemeint ist meist Meganeura monyi, ein libellenähnliches Raubinsekt aus dem Karbon. Ich zeige, wie groß diese Tiere wirklich waren, warum sie gigantische Ausmaße erreichen konnten und welche großen Libellen heute in Deutschland vorkommen.

Die wichtigsten Fakten zu riesigen Libellen auf einen Blick

  • Meganeura monyi erreichte eine rekonstruierte Flügelspannweite von etwa 70 Zentimetern.
  • Die prähistorischen Tiere waren keine modernen Libellen, sondern gehörten zu den ausgestorbenen Meganisoptera.
  • Eine hohe Sauerstoffkonzentration war wahrscheinlich hilfreich, aber nicht die alleinige Erklärung für den Gigantismus.
  • Die größte heimische Art ist die Große Königslibelle mit bis zu etwa 11 Zentimetern Flügelspannweite.
  • Heute lebende Großlibellen sind beeindruckend, erreichen aber nur einen Bruchteil der Größe ihrer fossilen Verwandten.

Was mit einer Riesenlibelle eigentlich gemeint ist

Der Begriff Riesenlibelle bezeichnet meistens ausgestorbene, libellenähnliche Insekten aus dem Erdzeitalter des Karbons und des Perms. Besonders bekannt ist Meganeura monyi, die vor ungefähr 300 Millionen Jahren in sumpfigen Wäldern lebte. Ihre Flügelspanne wird auf rund 70 Zentimeter geschätzt, der Körper war vermutlich etwa 35 bis 40 Zentimeter lang.

Systematisch war sie keine Libelle im engen heutigen Sinn. Fachleute ordnen sie den Meganisoptera zu, die oft auch als Urlibellen oder Griffenflies bezeichnet werden. Ihr Körperbau erinnerte stark an moderne Großlibellen, doch die fossilen Tiere bildeten eine eigene, längst ausgestorbene Entwicklungslinie.

Das ist mehr als eine akademische Feinheit. Wer von einer prähistorischen Libelle in der Größe eines kleinen Vogels spricht, meint normalerweise kein übergroßes Exemplar einer heutigen Art, sondern ein Tier aus einer völlig anderen Insektenfauna. Die Bezeichnung ist anschaulich, biologisch aber etwas ungenau.

Meganeura und ihre Verwandten waren echte Flugjäger

Meganeura war kein träges Sumpftier, das nur von einem Blatt zum nächsten kroch. Die kräftigen Beine und großen Kiefer sprechen für einen aktiven Räuber, der wahrscheinlich andere Insekten im Flug erbeutete. Wie heutige Libellen besaß sie große Komplexaugen, die Bewegungen sehr gut erfassen konnten.

Auch die Flügel verraten viel über ihre Lebensweise. Vier unabhängig steuerbare Flügel ermöglichen schnelle Richtungswechsel, abruptes Abbremsen und das Rütteln auf der Stelle. Bei einem Tier mit einer Spannweite von 70 Zentimetern war der Flug vermutlich trotzdem weniger wendig als bei einer modernen Mosaikjungfer. Größe bringt Reichweite, kostet aber Beweglichkeit und Energie.

Tier Zeit oder Verbreitung Flügelspannweite Einordnung
Meganeura monyi Karbon, vor etwa 300 Millionen Jahren etwa 70 cm ausgestorbene Urlibelle
Meganeuropsis permiana Perm rekonstruiert etwa 70 bis 75 cm eine der größten bekannten Flug-Insektenformen
Petalura ingentissima heute, Nordost-Australien etwa 16 cm größte bekannte echte Großlibelle
Anax imperator heute, auch in Deutschland etwa 9,5 bis 11 cm Große Königslibelle

Bei Meganeuropsis permiana ist die Größenangabe stärker von Fossilfragmenten und Vergleichen mit verwandten Arten abhängig. Deshalb sollte man die Werte als wissenschaftliche Rekonstruktionen verstehen, nicht als Maßbanddaten eines vollständig erhaltenen Tieres.

Fossil einer riesen Libelle mit ausgebreiteten Flügeln, eingebettet in Stein. Ein beeindruckendes Zeugnis urzeitlicher Insekten.

Warum konnten diese Insekten so groß werden

Die bekannteste Erklärung verweist auf den Sauerstoffgehalt der damaligen Atmosphäre. In Teilen des Karbons lag er deutlich höher als heute, wodurch die Atmung über das Tracheensystem möglicherweise effizienter wurde. Insekten nehmen Sauerstoff nicht über Lungen auf, sondern leiten ihn durch ein Netz feinster Röhren direkt ins Gewebe.

Ich halte es aber für irreführend, den Gigantismus allein mit dem Satz „Damals gab es mehr Sauerstoff“ zu erklären. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung unter Beteiligung der Universität Greifswald stellte infrage, dass der atmosphärische Sauerstoff der entscheidende Faktor für die Körpergröße war. Wahrscheinlich wirkten mehrere Bedingungen zusammen.

Mehrere Faktoren dürften zusammengewirkt haben

  • Atmosphärischer Sauerstoff konnte die Versorgung großer Gewebe erleichtern, erklärt die Größenentwicklung aber nicht vollständig.
  • Die damalige Umwelt bestand aus ausgedehnten Feuchtwäldern, Sümpfen und offenen Wasserflächen mit reichlich Beute.
  • Weniger Konkurrenz in der Luft könnte den großen Räubern ökologische Nischen eröffnet haben.
  • Die Flugmechanik wurde möglicherweise durch eine andere Luftdichte und besondere Flügelproportionen begünstigt.
  • Fehlende große fliegende Wirbeltiere wie Vögel oder Fledermäuse bedeuteten weniger direkte Konkurrenz und weniger spezialisierte Luftjäger.

Auch der Sauerstoffgehalt selbst war im Erdmittelalter nicht konstant. Die Entwicklung der Meganisoptera erstreckte sich über lange Zeiträume, in denen sich Klima, Vegetation und Atmosphäre veränderten. Das macht eine einfache Ursache-Wirkung-Erklärung unwahrscheinlich.

Was heute als große Libelle gilt

Die größte lebende echte Libelle ist nicht mit den fossilen Giganten vergleichbar. Als besonders große Art gilt die australische Petalura ingentissima, deren Flügelspannweite ungefähr 16 Zentimeter erreicht. Bei den Kleinlibellen gibt es mit Megaloprepus coerulatus sogar eine Art mit einer noch größeren Spannweite, die jedoch deutlich zarter gebaut ist.

In Deutschland begegnet man meist der Großen Königslibelle (Anax imperator). Sie wird etwa 6,6 bis 8,4 Zentimeter lang und erreicht ungefähr 9,5 bis 11 Zentimeter Flügelspannweite. Ein ausgewachsenes Männchen mit blauem Hinterleib und grünem Brustabschnitt wirkt im Flug durchaus riesig, ist im Vergleich zu Meganeura aber nur ein kleiner Verwandter.

Für die Einordnung eines Tieres sollte ich nicht nur auf die Spannweite schauen. Körperlänge, Flügelform, Färbung, Augenfarbe und Flugverhalten sind zusammen viel aussagekräftiger. Eine große Mosaikjungfer kann aus der Entfernung schnell größer wirken, als sie tatsächlich ist.

Vom Wasserjäger zum fliegenden Räuber

Der auffälligste Teil des Lebens einer Libelle spielt sich nicht in der Luft ab. Die Larven leben je nach Art mehrere Monate bis mehrere Jahre im Wasser. Mit einer ausklappbaren Fangmaske erbeuten sie Kaulquappen, kleine Fische, Insektenlarven und andere Wassertiere.

Auch die fossilen Urlibellen dürften eine aquatische Jugendphase gehabt haben. Der Übergang zum erwachsenen Fluginsekt erfolgte durch eine Häutung, bei der das Tier aus der Larvenhaut schlüpfte und seine Flügel entfaltete. Erst danach begann die kurze, stark auf Fortpflanzung und Jagd ausgerichtete Lebensphase an Land.

Diese Verbindung zwischen Gewässer und Luftraum erklärt, warum Libellen so empfindlich auf Veränderungen ihrer Lebensräume reagieren. Ein sauberer Teich allein reicht nicht, wenn Uferpflanzen, sonnige Sitzwarten oder geeignete Flachwasserzonen fehlen. Libellenschutz ist deshalb immer auch Gewässerschutz.

So ordne ich eine auffallend große Libelle in Deutschland ein

Wer im Garten oder an einem See ein ungewöhnlich großes Exemplar entdeckt, hat fast sicher keine prähistorische Riesenform vor sich. Wahrscheinlicher sind die Große Königslibelle, eine Mosaikjungfer oder eine andere heimische Großlibelle. Auch einzelne wärmeliebende Arten können durch ihr schnelles, kräftiges Flugbild besonders imposant wirken.

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Worauf es bei der Bestimmung ankommt

  • Flügelspannweite schätzen, ohne das Tier zu fangen oder zu berühren.
  • Farbe des Hinterleibs und des Brustabschnitts beobachten.
  • Augen und Flügelmale möglichst auf einem Foto prüfen.
  • Lebensraum notieren, etwa Gartenteich, Moor, Flussufer oder Waldlichtung.
  • Flugweise beachten, denn manche Arten patrouillieren dauerhaft, andere sitzen häufiger auf Pflanzen.

Libellen sollten nicht mit der Hand eingefangen werden. Ihre Flügel besitzen eine empfindliche Struktur, und viele Arten stehen unter Schutz. Ein Foto aus etwas Abstand ist für die Bestimmung meist hilfreicher als ein riskanter Fangversuch.

Gerade an warmen, sonnigen Gewässern lohnt sich Geduld. Männchen der Großen Königslibelle kontrollieren ihr Revier oft wiederholt und kehren nach kurzen Jagdflügen zurück. Für Beobachtende ist das ideal, weil man ein Tier mehrfach aus verschiedenen Winkeln sehen kann.

Was ein Blick auf die Riesenlibellen heute noch zeigt

Die fossilen Giganten erzählen nicht nur eine spektakuläre Geschichte über große Insekten. Sie zeigen, wie stark Körpergröße von Umwelt, Atmung, Flugmechanik und Nahrungsketten abhängt. Eine einzelne Zahl wie 70 Zentimeter erklärt deshalb wenig, wenn man den Lebensraum dahinter nicht mitdenkt.

Für mich liegt die spannendste Lehre im Vergleich mit der Gegenwart. Moderne Libellen sind kleiner, aber biologisch keineswegs weniger anspruchsvoll. Ihre Larven brauchen intakte Gewässer, die erwachsenen Tiere sonnige Jagdräume. Wer solche Strukturen erhält, schützt nicht nur seltene Arten, sondern bewahrt ein Stück einer sehr alten Erfolgsgeschichte der Insekten.

Häufig gestellte Fragen

Meganeura monyi erreichte eine rekonstruierte Flügelspannweite von etwa 70 Zentimetern und wurde vermutlich 35 bis 40 Zentimeter lang. Sie war jedoch keine moderne Libelle, sondern gehörte zu den ausgestorbenen Meganisoptera.

Nein. Hoher atmosphärischer Sauerstoff könnte die Versorgung großer Gewebe erleichtert haben, wahrscheinlich wirkten aber auch Feuchtwälder, reichlich Beute, geringe Konkurrenz und besondere Bedingungen für den Flug zusammen.

Die Große Königslibelle, Anax imperator, erreicht etwa 9,5 bis 11 Zentimeter Flügelspannweite. Damit ist sie beeindruckend groß, bleibt aber deutlich kleiner als die fossilen Riesenformen.

Beobachte Flügelspannweite, Körperfärbung, Augen, Flügelmale, Lebensraum und Flugweise. Ein Foto aus etwas Abstand ist hilfreicher und schonender als das Einfangen, denn Libellenflügel sind empfindlich und viele Arten geschützt.

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Autor Ingo Gruber
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